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Die Geschichte der Serviette

Die Annahme, dass der festlich gedeckte Tisch, unsere Essutensilien und auch unsere Tischsitten Errungenschaften der Moderne sind, ist falsch: unsere Tafelkultur hat sich über die Jahrtausende langsam entwickelt, hat sich stetig verändert und ist kontinuierlich gereift. Zu unserer heutigen Tisch- und Tafelkultur zählt der Gebrauch von Tischwäsche ebenso wie Trink- und Esssitten oder auch Tischmanieren und Tafelordnungen. Im folgenden möchten wir für Sie einen kurzen Abriss über die Geschichte und den Gebrauch der Serviette geben.

Die Serviette in der Antike und im Mittelalter

In der Antike war die Mundserviette zunächst unbekannt. Zwar wurden schon im alten Ägypten zur Zeit der Pharaonen opulente Festessen abgehalten, wie alte Malereien aus dieser Zeit belegen, Tischwäsche im eigentlichen Sinne ist jedoch zunächst nicht nachweisbar (vgl. Hans Tapper, Der schön gedeckte Tisch, Niedernhausen 1986, S. 7-11). Verwendet wurden Krüge für Getränke, Obstschalen und Platten mit Esswaren, Textilien oder Servietten sind als Unterlagen auf Tischen oder zum Abwischen der Hände sind nicht üblich. Gegessen wurde zumeist mit den Fingern, als Tischgeschirr waren Becher und Teller aus Ton oder Metall in Gebrauch, als Besteck wurden Löffel verwendet. Bei den alten Römern wurde nicht am Tisch, sondern vielfach und gern im Liegen gegessen, wie Miniaturen aus dieser Zeit belegen. Die Römer verwendeten Trinkbecher, Teller und einfaches Besteck, darunter nun auch Messer zum Tranchieren von Fleischgerichten. Neu sind zudem auch Fingerschalen und einfache Tücher, die wie Servietten benutzt wurden und als Vorläufer unserer heutigen Stoffserviette gelten können. Bei den Römern wurden die Speisen auf einem kleinen, mit einem Tuch bedeckten Tisch in der Mitte präsentiert (vgl. Andreas Morel, Der gedeckte Tisch. Zur Geschichte der Tafelkultur, Zürich 2001, S. 25). Individuelle Gedecke waren unüblich, auf Gefäßen aus dieser Zeit finden sich jedoch mitunter Besitzermarken. Im Mittelalter wurden die Errungenschaften der Antike eher vernachlässigt die Tischkultur wurde eher wieder grober. Die Menschen verwendeten Becher, Messer und seltener auch einfache Gabeln zum Essen, seltener im Gebrauch waren hingegen Teller, Fingerschalen oder gar Servietten. Eine alte Tradition: Servietten aus Leinen mit Hohlsaum Gegessen wurde aus Vertiefungen im Tisch, wozu zumeist die Finger benutzt wurden. In besseren Kreisen gebrauchte man dabei nur Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger (vgl. Hans Tapper, Der schön gedeckte Tisch, Niedernhausen 1986, S. 8) . Tischwäsche gab es im Mittelalter zunächst keine, erst im Spätmittelalter kamen Tischtücher in Mode, die wie alte Gemälde zeigen, bis tief zum Boden reichten. Diese Tischtücher wurden dann auch dazu benutzt, Finger und Mund daran abzuwischen — nach heutigen Tischsitten undenkbar. Eine Variante hierzu waren an der Tafel angebrachte Tücher, die speziell zum Abwischen von Mund und Händen dienten. Dies waren die Vorläufer unserer heutigen Stoffservietten bzw. Mundtücher. Seit ca. 1200 finden sich in Buchmalereien Tische, die mit Textilien bedeckt sind, beispielsweise im "Hortus deliciarum" der Äbtissin Herrad von Landsberg, datiert 1196 (vgl. auch im folgenden: Jaacks, Gisela, "Wenn blendend weiss die Wäsche lacht". Zur Geschichte der Tischwäsche und Haushaltstextilien, in: Beruf der Jungfrau. Henriette Davidis und das bürgerliche Frauenverständnis im 19. Jahrhundert, Oberhausen 1988, S.178f.) In diesen frühen Illustrationen bedeckt ein Tuch die Tischplatte, wobei ein zweites in reiche Falten drapiertes Tuch über die Kanten gelegt ist, welches zumeist bis zum Boden reicht. Dieses umlaufende Tuch konnte von den Gästen über den Schoß gebreitet werden und wurde auch als Serviette benutzt.

Die Serviette in der Neuzeit

Die Geschichte der Serviette ist insgesamt eng verbunden mit dem Gebrauch von Tischwäsche. Tischwäsche insbesondere Tischtücher waren seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert fester Bestandteil der Aussteuer einer Frau, die heiratete (vgl. Andreas Morel, Der gedeckte Tisch. Zur Geschichte der Tafelkultur, Zürich 2001, S. 21, S. 29). Die Tischtücher oder Tischdecken waren der Stolz der Hausfrau, sie spiegelten durch Anzahl und Beschaffenheit ihre soziale Stellung wieder und gaben auch Auskunft über den Reichtum eines Hauses. Viele Gemälde reicher Herrschaften, die an Tischen tafeln, die mit Tischdecken bedeckt sind, geben Zeugnis dieses Sachverhalts, ebenso wie Aussteuerlisten, die aus der frühen Neuzeit überliefert sind. Serviette Mona mit Atlaskante Man darf jedoch davon ausgehen, dass das Auflegen einer Tischdecke auch bei den begüterten Familien auf besondere Tage und Anlässe im Jahr beschränkt war. Gefürchtet wurde der Verschleiß der kostbaren Tischdecken, so dass ein alltäglicher Gebrauch eher selten vorkam. Auch die Art und Beschaffenheit der Tischtücher bezeugten schon zu dieser Zeit den Wohlstand einer Familie. Darstellung von Tischen, die mit weit über die Tischkanten herabfallenden sehr großzügigen Tischtüchern bedeckt sind, bezeichnen Reichtum und Luxus, sie verdeutlichen auch sinnbildlich "über-fluss" (Beispiele liefert: Andreas Morel, Der gedeckte Tisch. Zur Geschichte der Tafelkultur, Zürich 2001, S. 22). Die Serviette als festes Requisit einer Essgesellschaft konnte sich dann in der Neuzeit etablieren. Möglicherweise hängt der Gebrauch von Servietten mit dem Aufkommen von Gabeln in der Tischkultur zusammen. So waren in der Renaissance in Italien und später auch in den Niederlanden breite Halskrausen in Mode, wie zahlreiche Gemälde feiner Herrschaften und prunkvoller Tafelgesellschaften belegen. Um die Halskrausen nicht zu beschmutzen, wurden Gabeln zum Essen benutzt. Hiermit einhergehend wurde der Mund dann nicht mehr an der Tischdecke abgewischt, eigene Mundtücher lagen hierzu bereit, die Mundserviette kam in Mode. Erasmus von Rotterdam (1466/69-1536) äußert sich bereits in seiner 1530 erschienenen Schrift "De civilitate morum puerilium" nicht nur zum angemessenen Benehmen bei Tisch, sondern weist direkt darauf hin, dass fettige Finger nicht abzulecken oder am Rock abzuwischen seien und hierzu das Tischtuch oder die Serviette benutzt werden sollten (Erasmus von Rotterdam, De civilitate morum puerilium, Kap. IV, 1530).
Zunächst der höfischen Gesellschaft vorbehalten, etablierte sich die Mundserviette zunehmend auch in der normalen Bevölkerung. Im 19. und 20. Jahrhundert verfeinerte sich die Tischkultur weiter: Nicht nur die Speisen wurden vielfältiger und raffinierter, auch das Tafelgeschirr wurde hochwertiger und kostbarer; als Besteck kam Tafelsilber in Mode. Ausgehend, wahrscheinlich aus Frankreich, entfaltete sich eine Tischkultur, in der die Serviette ihren festen Platz einnahm (vgl. auch im folgenden Horst Hanisch, So falten Sie Servietten, Die schönsten Ideen für jeden Anlaß — klassisch oder originell, Niedernhausen /Ts o.J. S. 9-11). So stammt der Begriff Serviette aus dem Französischen und bezeichnet "die kleine Dienerin" (von lat. servus = Sklave, Diener). Die Tafeln wurden im weiteren Verlauf der Geschichte nicht nur mit Speisen üppig bestückt, auch hochwertiges Porzellan sowie eine aufwändige, edle Tischdekoration mit vielen prunkvollen Elementen wurde modern. Die äußerst kunstvoll gefaltete Serviette zählte hierbei zum festen Repertoire einer Festtafel. Am Hofe des österreichischen Kaisers wurden Ende des 19. Jahrhunderts / Anfang des 20. Jahrhunderts feine Damast-Servietten benutzt, in die das kaiserliche Wappen eingewebt war. Zunehmend gebräuchlich wurden dann auch in begüterten Familien Stoffservietten, in die Monogramme von Hand eingestickt waren. Sie waren Bestandteil der Aussteuer einer Frau, die sie mit in die Ehe brachte. Diese kostbaren Servietten wurden gepflegt und äußerst sorgsam behandelt; im Schrank legte man sie nicht zusammen, sondern stapelte sie, um unnötige Faltenbildung zu vermeiden.

Die Serviette im 20. Jahrhundert

Um 1900 beginnt eine neue Entwicklung weg von der pompösen Üppigkeit einer Festtafel hin zu mehr eleganter Einfachheit mit der kunstvoll gefalteten Serviette als wichtigstem Utensil. Eine Vielzahl von Abbildungen aus dieser Zeit illustriert detailliert die Falttechniken, die zu dieser Zeit in Mode sind. Wichtigstes Lehrbuch ist das "Illustrierte Servietten-Album" von L. Fritsche, das 1905 bereits in 9. Auflage erschienen ist (vgl. hierzu: Morel, Andreas, Der gedeckte Tisch. Zur Geschichte der Tafelkultur, Zürich 2001, S. 175). Hierin stellt Fritsche 138 verschiedene Figuren vor und erläutert genau, wie die Servietten "zu brechen" sind.
Exklusiv: Damast-Serviette Leila mit modernem Muster Nach 1945 im Zuge des deutschen Wirtschaftswunders und zunehmendem Reichtums auch in den bürgerlichern Schichten gewinnt die feine Tischkultur weiter an Bedeutung. Stoffservietten durften bei keiner Feier fehlen. Kunstvoll gefaltet in raffinierten Figuren wurden die Servietten zum i-Tüpfelchen eines festlich gedeckten Tisches. Sie sind zugleich auch immer ein Zeichen der Aufmerksamkeit und Wertschätzung des Gastgebers gegenüber seinem Gast. Ohne die dekorativ "gebrochene" Serviette konnte in den 50iger und 60iger Jahren keine Tafel als vollkommen gelten. In den 70iger Jahren kommt dann die dünne Zellstoff- oder Papierserviette in Mode. Im Überfluss-Zeitalter, zum Wegwerfen gemacht, läuft die Papierserviette der Stoffserviette zunehmend den Rang ab. Noch einige Jahrzehnte zuvor undenkbar, ist die Papierserviette bei jedem Essen dabei, ob in der Gastronomie, bei der Kaffeetafel oder beim Picknick im Freien und selbst bei festlichen Abendessen. Ihre größten Vorteile liegen in ihrem geringen Preis, großer Hygiene und dem Wegfallen des Waschens. Papierservietten sind überdies schnell zur Hand und können auch farblich schöne Akzente auf einer Festtafel setzen. Man findet sie bis heute in allen nur erdenklichen Farben, Mustern, Formen, in verschiedenen Qualitätsstufen und Designs. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten ist eine neue Abkehr dieses Trends zur Papierserviette festzustellen. Die Serviette zum Wegwerfen ist nicht mehr überall gern gesehen. Vor allem junge Menschen legen heute wieder mehr Wert auf eine gehobene Tischkultur, die "echte" Servietten als selbstverständlich erachtet. Das Auge isst bekanntlich mit und die Stoffserviette steht heute wieder für gediegene Eleganz und gepflegte Gastlichkeit mit Niveau.

Literaturhinweise zum Thema Servietten

Interessieren Sie sich für weitere Literatur zum großen Thema Servietten? Suchen Sie nach ergänzenden Informationen? Wir möchten Ihnen an dieser Stelle einige Bücher, Zeitschriftenartikel und Links nennen, anhand derer Sie sich weiterführend informieren können. Wir haben alle genannten Titel für Sie gelesen und als informativ befunden. Eine Gewähr für den Inhalt der genannten Beiträge können wir jedoch nicht übernehmen. Zur Zeit befindet sich diese Literaturliste im Aufbau und wird kontinuierlich erweitert.

Bücher
  • Everlegh, Tessa, Der schöne Tisch, Traumhafte Dekorationen für viele Anlässe in Schritt-für-Schritt-Anleitungen, München 1999.
  • Horst Hanisch, So falten Sie Servietten, Die schönsten Ideen für jeden Anlaß — klassisch oder originell, Niedernhausen /Ts o.J.
  • Kießling, Alois, Matthes, Max, Textil — Fachwörterbuch, 1993.
  • Morel, Andreas, Der gedeckte Tisch. Zur Geschichte der Tafelkultur, Zürich 2001.
  • Müller, Klaus E., Kleine Geschichte des Essens und Trinkens, 2009.
  • Paczensky, Gert von, Kulturgeschichte des Essens und Trinkens, 1999.
  • Tapper, Hans, Der schön gedeckte Tisch, Niedernhausen 1986.

Zeitschriftenartikel/Sammelbände
  • Düwel, Klaus, über Nahrungsgewohnheiten und Tischzuchten des Mittelalters, in: Umwelt in der Geschichte: Beiträge zur Umweltgeschichte, Göttingen 1989, S. 129-149.
  • Jaacks, Gisela, "Wenn blendend weiss die Wäsche lacht". Zur Geschichte der Tischwäsche und Haushaltstextilien, in: Beruf der Jungfrau. Henriette Davidis und das bürgerliche Frauenverständnis im 19. Jahrhundert, Oberhausen 1988, S.177-195.
  • Schreyl, Karl-Heinz, Aufs Knie oder um den Hals? Zur Benutzung von Servietten, in: Volkskunst 10 (1987), Nr. 4, S. 43-47.

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